Der Tod ist nicht das Ende

Alles in unserer Welt ist Energie – von der Materie bis zum Menschen. Energie kann niemals verlorengehen, lediglich ihren Zustand verändern. Das ist Physik. So existiert zum Beispiel H2O je nach Temperatur im Zustand als Wasser, Eis oder Dampf. Die Energie, die sowohl die Raupe als auch den Schmetterling beseelt, geht in der Metamorphose nicht verloren, sondern ändert ihren Zustand. Nicht nur Raupen, auch Menschen können zum Schmetterling werden. Lies weiter, um zu verstehen, was ich damit meine.

Wenn wir Menschen sterben, dann legen wir unseren Körper ab und gehen über in einen anderen Seinszustand. Dass dies wirklich so ist, habe ich vor einigen Jahren selbst erlebt. Hier ein kleiner Auszug aus meinem Buch „Seelenschnitzeljagd“, in welchem ich dieses Erlebnis festgehalten habe:

„Und so geschah es, dass ich mich auf die Halbinsel Macaneta begab, nur eine dreiviertel Stunde von der Hauptstadt entfernt. Dort hatte ich eine Hütte mit Strohdach in einer Lodge. Ich war der einzige Gast. Nicht einmal die Besitzer waren da, nur ein Koch und eine Putzfrau, die extra für mich beordert worden waren. Der Koch brachte mir dreimal am Tag das Essen meiner Wahl zu meiner Hütte. Und ich hörte Tag und Nacht das Meer rauschen. Es gab kein Internet und an einem Tag nicht einmal Strom, und so hatte ich genau das, was ich wollte: Einsamkeit in der Natur. Ich ging jeden Tag am endlosen, menschenleeren Strand spazieren und freute mich, dass ich nichts tun und an nichts denken musste. Es war windig und bei 23 Grad ein bisschen zu kühl, um im Meer zu baden, es war ja auch hier tiefster Winter. Aber da ich so viel zu Essen bekam, war es sowieso besser, lange Spaziergänge zu machen, um zwischen den Mahlzeiten wieder Hunger zu bekommen.

Am letzten Tag auf Macaneta hatte es dann 30 Grad und ich ging noch einmal zum Strand. Ich weinte und sprach zu meinem Vater als ich Schritt für Schritt in das Meer watete. Meine bitteren Tränen vermischten sich mit dem salzigen Wasser des Meeres. Ich gab meinem Papa das Versprechen, dass ich glücklich sein würde, bis wir uns wiedersehen. Ich tauchte unter und als ich aus einer Welle auftauchte, flatterte plötzlich mitten auf dem Wasser ein weißer Schmetterling vorbei. Aufgeregt rief ich: „Hallo Papa!“, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er es war. Dann tauchte ich noch einmal in eine Welle und als ich aus ihr auftauchte, sah ich plötzlich einen Regenbogen über dem Wasser. Das war der krönende Abschluss meines Aufenthalts auf der idyllischen Halbinsel. 

Als ich dann am 24. Juli, dem Todestag meines Vaters, nach Kapstadt zurückkam, schrieb meine Mutter im WhatsApp-Familienchat, dass sie am Grab gewesen und ihr dort ein weißer Schmetterling aufgefallen war. Daraufhin antwortete mein großer Bruder, dass er am selben Tag am Grab ebenfalls den weißen Schmetterling gesehen hatte. Dann erzählte ich von dem Schmetterling und dem Regenbogen mitten auf dem Meer. Zuletzt schrieb mein kleiner Bruder, dass er am selben Tag in München auf dem Dach eines 15-stöckigen Hochhauses gestanden und dort einen weißen Schmetterling sowie einen Regenbogen gesehen hatte. Er meinte, er habe sich gewundert, da dies ein sehr ungewöhnlicher Ort für einen Schmetterling war. 

An der Beerdigung ein Jahr zuvor war uns allen bereits ein weißer Schmetterling aufgefallen. Er flog die ganze Zeit um die Urne und die Blumen, während der Pfarrer predigte.  Er zeigte mir, dass mein Vater nicht verschwunden war, sondern die Unendlichkeit des Lebens einfach weit über unser kognitives Potenzial und unsere menschliche Vorstellungskraft hinausgeht. Es gab mir inneren Frieden, das zu wissen.  Die Gewissheit, dass der Tod nicht das Ende ist, war ein Geschenk des Himmels.


© Anne-Marie Sterr 2021
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