Perspektive ist alles

Freiheit ist eine Entscheidung. Was wir erleben und was in unserer Welt geschieht mag nicht immer unserem freien Willen entsprechen. Aber die Haltung, die wir dazu einnehmen, ist zu jedem Zeitpunkt unsere Wahl. Wie wir die Welt wahrnehmen ist eine Frage der Perspektive. Ein und dieselbe Situation kann aus verschiedenen Blickwinkeln eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben.

Lies weiter... Ich erzähle dir eine kleine Anekdote aus meinem Buch „Seelenschnitzeljagd“, wie ich eines schönen Nachmittags in Peru mit meiner Perspektive experimentierte:

 „Es war ein sonniger Tag und angenehm warm. Ich legte mich mit Decken und Kissen im Garten unter einen Baum, pflückte ein kleines Jasmin-Zweigchen und machte es mir bequem. Für einen Moment wurde mir unheimlich. Um mich herum krabbelten Ameisen und Käfer und in den Ästen sah ich einige Hornissen umherfliegen. Ich dachte an meine Hornissenallergie und dass sie mich stechen und ich unter diesem Baum qualvoll ersticken könnte. Die Ameisen könnten mich anpinkeln und ich würde Ausschlag kriegen und das würde mir meinen Kaktus-Tag so richtig versauen, falls ich die Hornissenattacke überhaupt überleben würde. Doch dann wurde mir sofort bewusst, dass das Einzige, was kurz davor war, mir den Tag zu verderben, meine Gedanken waren. 

Ich beobachtete die Hornissen, die sich überhaupt nicht für mich interessierten. Sie waren beschäftigt mit Hornissen-Angelegenheiten. Rumfliegen und Blüten bestäuben und was Hornissen eben den ganzen Tag so treiben. Für die Ameisen war ich Teil der Kulisse. Wir lebten alle in unserem eigenen Universum. In der Welt der Ameisen war ich vielleicht sogar einfach ein riesengroßer Berg und was für mich ein Tag war, waren für sie gefühlte zwei Monate. Dann schaute ich auf die Berge und stellte mir vor, dass diese riesengroße Lebewesen wären und sich einfach nur einen Tag lang hinlegten und ausruhten und in unserer Welt wären sie leblose Berge, die seit Millionen von Jahren existierten. Für die Inkas und Quechuas sind bestimmte Berge der Anden Götter, die sie verehren. Sie nennen sie Apus und beten zu ihnen. 

Dieser Perspektivenwechsel veranschaulichte mir, wie jedes Lebewesen in seinem eigenen Universum lebt. Verschiedene Kulturen und Religionen haben sich vielleicht auf einen Deutungshorizont geeinigt, aber trotzdem nimmt jeder Mensch seine Welt auf seine eigene Weise wahr. Auch wie wir andere Menschen wahrnehmen, die Teil unserer Welt sind, hat mehr mit uns selbst als mit ihnen zu tun. Freiheit bedeutet, sich frei entscheiden zu können, welche Perspektive man einnimmt. Ich entschied mich an dem Tag, mir einfach zu erlauben, glücklich zu sein, unter dem Baum zu liegen und an dem kleinen Ästchen mit Jasmin-Blüten zu schnüffeln. Die dufteten nämlich herrlich lieblich. 

Vier Stunden lang lag ich so da und schwelgte in olfaktorischer Ekstase, bis es anfing zu regnen. “

Meine Perspektive auf den Weltfrieden

Ausgehend davon, dass jeder Mensch, jedes Lebewesen, in seiner eigenen Welt mit seiner einzigartigen Wahrnehmung lebt liegt es auf der Hand, dass jeder die Verantwortung für sein eigenes Glück trägt. Denn wenn ein Mensch seine Perspektive ändert, über sein Leben oder eine Situation anders denkt oder fühlt, dann hat das einen Effekt auf die Welt dieses bestimmten Menschen. Die Fähigkeit, unseren Blickwinkel zu verändern und zu entscheiden, wie wir fühlen und denken, die können wir als Menschen zum Glück trainieren. Durch Meditation. Achtsamkeit. Präsenz. Mitgefühl.

Wenn ein einziger Mensch seine Welt ändert, dann hat das eine Auswirkung auf die Welt als Ganzes. Weil dort, wo er in Beziehung mit anderen Lebewesen steht, sich die Beziehung verändert und somit die Welt des Anderen ebenfalls beeinflusst wird. Wenn jeder einzelne Mensch in sich selbst seinen Frieden findet und diesen Frieden in die Beziehung zu anderen einfließen lässt, dann haben wir Weltfrieden. Wenn jeder Mensch seine eigene Welt retten würde, dann würden wir alle zusammen die Welt retten.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Um den Weltfrieden müssen wir uns ja auch keine Sorgen machen. Nur um unseren eigenen inneren Frieden – der einzige, der in unserer Macht liegt und der einzige, der wirklich zählt.


© Anne-Marie Sterr 2021
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